Kommunikationsmuseum „wortreich“ in Bad Hersfeld: Graffiti, Gespräche und Gedankenspiele für die ganze Familie

Die hessische Festspielstadt Bad Hersfeld hatte in der Vergangenheit ziemlich berühmte Bewohner: Computererfinder Konrad Zuse und Rechtschreibpapst Konrad Duden lebten und wirkten hier. Dass sich ein Museum der Stadt seit 2011 auf 1200 Quadratmetern in einem ehemaligen Industriegebäude am Benno-Schilde-Platz 1 der Sprache und der Kommunikation widmet, ist daher nicht verwunderlich. Doch eigentlich ist es gar kein Museum: Das „wortreich“ versteht sich mit 90 Mitmach-Exponaten als interaktive Wissens- und Erlebniswelt.

Wie originell das Haus ist, zeigt sich schon beim Eingang: Um die Ausstellung zu betreten, gehen wir durch ein offenes Buch und bekommen dahinter gleich ein Inhaltsverzeichnis zu lesen: Denn das „wortreich“ ist in viele Kapitel unterteilt. Ruhig wie in einem Lesesaal oder einer Bücherei geht es in den Räumen dennoch nicht zu: Überall wird gesprochen, gesungen, getanzt. Wir trainieren in jedem Kapitel auf kreativste Weise unsere Sprache und Kommunikation. Auf allen Seiten begleitet uns die Leitfigur des Museums – die fiktive Figur Konrad, die an die beiden großen Geister der Stadt erinnert.

Mit Konrad im Kleinkindalter, der das Sprechen erst lernen muss, beginnt die Reise durch das Haus. Die ersten Übungen für uns Besucher sind dem jungen Alter Konrads angepasst: Wir suchen in einem riesigen Wimmelbild Tiere, die nicht zur abgebildeten Stadt gehören, etwa Dinos und ein Krokodil. Weiter geht es beim Basketball. Die Bälle, die wir in den Korb werfen, zeigen Buchstaben. Jeder Ball, der im Korb landet, wird in ein Rohr geleitet. Ziel ist es, dass im Rohr schließlich ein Wort zu lesen ist, doch wir treffen leider zu selten…

wortreich: Redenhalten am Teleprompter

In den nächsten Kapiteln sind wir erfolgreicher. Wir singen Lieder ein, verschicken Briefe per Rohrpost durchs ganze Haus und erhalten Antwort von anderen Besuchern.


Außerdem halten wir Reden mit Hilfe eines Teleprompters und versuchen, jeweils die Mimik der anderen Familienmitglieder zu lesen. Unsere Gedanken liest hingegen ein Ball: Unsere Gehirnaktivität wird auf ihn übertragen und bringt diesen in Bewegung.

Bairische Gebärdensprache: Handgemachter Dialekt

Im Dialektkapitel hören wir Sätze, die wir auf der Deutschlandkarte zuordnen müssen. Und wir lernen, dass sich auch Gebärdensprache je nach Region unterscheidet: Im süddeutschen Raum etwa legen Gehörlose die Hände flach aneinander, um „Sonntag“ zu sagen – dem Tag, an dem es in die Kirche geht. In Norddeutschland „sagt“ man hingegen „Sonntag“, indem man sich über die Brust streicht. Dies ist ein Zeichen dafür, dass es sich um den Tag handelt, an dem man feinen Zwirn trägt. Unsere Tochter lernt wenig später, gänzlich anders zu kommunizieren: Nur durch ihre Augenbewegungen bedient sie den Computer und schreibt auf diese Weise ihren Namen. Eine technische Errungenschaft, die Menschen, die sich kaum bewegen können, den Alltag erleichtert.

Der Papa freut sich derweil, dass er nach Jahrzehnten die Play-Taste der Datasette seines ersten Computers nochmal bedienen darf, und spricht von einem „nostalgischen Fingerspitzengefühl“. Dass allerdings sein erstes Handy „PT10“ aus dem Jahr 1996 ein Museumsstück im „wortreich“ ist, schockiert ihn ein wenig. Als er einem Freund das Bild davon schickt, schreibt jener zurück: „Pass auf, bald sind wir selbst Museumsstücke“. Urgs!

Ein Einfamilienhaus für einen Computer

Sicher ein besonderes Highlight dieser Ausstellung ist einer der ersten Großrechner, den Computer-Erfinder Konrad Zuse 1959 hergestellt hat. Der Z22R ist so groß wie eine Wohnzimmer-Schrankwand, hat eine sagenhafte Speicherkapazität von 8129 Wörtern und kostete soviel wie ein Einfamilienhaus. Kaum vorstellbar, dass nur 60 Jahre später die millionenfache Datenmenge auf die Größe eines Fingernagels passt.

Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage stellt sich oft bei Graffiti. Während es sicher viele Schmierereien gibt, die mit Vandalismus gleichzusetzen sind, machen Meister der Kunst Bilder, die jedem Museum zur Ehre gereichen würden. Im „wortreich“ sind wir die Graffitikünstler. Mir hat das Sprühen solchen Spaß gemacht, dass ich nun am liebsten an diversen Wänden den „Mama und die Matschhose“-Schriftzug anbringen würde …

Die, die mit Schlangen spricht …

Am Ende der großartigen Ausstellung sprechen wir sogar mit Tieren. Wir imitieren ihre Laute, und der Computer sagt uns, ob uns die Tiere verstanden haben oder nicht. Ich, so das Ergebnis, könnte mich mit Schlangen unterhalten, der Junge sich mit Elefanten und die Tochter sich mit Hunden.


Wir gehen beglückt und auf alle Fälle wort-reicher aus der Ausstellung! Fast drei kurzweilige Stunden haben wir hier verbracht – und als wir die letzten Seiten des Museumsbuches durchschritten haben, wollte die Tochter am liebsten wieder zum Eingang, und nochmal durch. Für uns ist klar: Wir müssen wieder hin, denn es gibt hier so viele Details zu entdecken und so viele kommunikative Spiele auszuprobieren, dass ein Besuch nicht genug ist. Die ganze Familie hat hier Spaß, jeder findet hier Exponate und Experimente, die faszinieren und begeistern. Wenn Ihr in der Nähe seid: Verpasst es nicht!
Mehr Infos über das Museum lest Ihr auf der Homepage des „wortreich“.

4 Kommentare bei „Kommunikationsmuseum „wortreich“ in Bad Hersfeld: Graffiti, Gespräche und Gedankenspiele für die ganze Familie“

  1. […] über Kommunikation und Sprache aneignen. Das Museum ist komplett interaktiv, macht allen Spaß – ich habe darüber bereits einen eigenen Beitrag geschrieben. Große […]

  2. Das klingt ja toll. Ich kenne bisher nur das Kommunikationsmuseum in Nürnberg. Und dort kann man definitiv nicht Graffitis an die Wand sprühen. Das hätte mir auch Spaß gemacht. Danke für den Museumstipp.
    LG Anke

    1. Sehr gern! Im wortreich hat wirklich die ganze Familie Spaß – meine Tochter wollte gleich nochmals von vorne beginnen… 🙂

  3. Sehr schönes Museum! Ich würde gern dahin gehen.

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