Wieviel Unordnung ist in Ordnung? Lasst uns offen darüber reden, was wir nicht im Haushalt schaffen – und wie ich es mit meinem Chaos in die „Nachtcafé“-Talkshow schaffte

Worin ich echt gut bin? Im Unordnung halten! Das hat sich wohl inzwischen herumgesprochen – denn anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich vom SWR zur Talkshow „Nachtcafé“ zum Thema „Ordnung ist das halbe Leben?“ eingeladen worden bin, unter anderem mit dem Actionkünstler HA Schult („Trash People“) und dem Ex-Dschungelcamp-Bewohner Matthias Mangiapane. Spoiler: Ich saß bei der Aufzeichnung gestern nicht auf den bequemen Sesseln im Alten E-Werk in Baden-Baden, um Putz- und Aufräumtipps zu geben.

 

Leute geben lieber einen Mord als Unordnung zu

Wisst Ihr, was ich krass finde? Dass offenbar die wenigsten Mütter und Väter, die unordentlich sind oder die zumindest den Haushalt nicht priorisieren im Leben, dazu stehen können. Es sei schwieriger gewesen, einen Talkgast zu finden, der zugibt, den Haushalt nicht immer auf die Reihe zu kriegen, als etwa für andere Themen einen Mörder, hatte mir ein SWR-Mitarbeiter gesagt. Und auch ich gebe zu: Mein erster Impuls auf die Anfrage, ob ich vor möglicherweise einer Million Fernsehzuschauer über meine persönliche Unordnung sprechen will, war: Nein, will ich nicht. Denn: Natürlich versuche ich es zu kaschieren, dass es oft unordentlich ist bei uns. Ich lotse Gäste in den Garten, wo es ein bisschen wild aussehen darf, und vermeide es, Spontan-Besucher zum Kaffee hereinzubitten, sondern wimmle sie an der Haustür ab. Auf meinem Grabstein wird irgendwann nicht stehen: „Sie war immer bestens für Spontan-Besuche gerüstet“. Vielleicht steht aber drauf: „Spaß first. Hat immer mit ihren Kindern Materialschlachten veranstaltet.“

Gäste werden in den Garten bugsiert

Weil mein Göttergatte aber sagte: „Hey, zu einer Talkshow wirst du nicht jeden Tag eingeladen, das ist cool!“, sagte ich zu. Wenn ausgerechnet er das cool findet, er, der mal das Buch „Wie spießig ist das denn?“ geschrieben hat, indem komischerweise ein Kapitel zum Aufräumen fehlt, dann ist es wohl eine Chance, die ich nutzen muss. Und: Was kann schon passieren, mal abgesehen davon, dass ich hinterher die Schlampe der Nation bin? Haha. Cool bleiben. Es ist ja kein krasses Thema, bei dem es um tiefste Gefühlswelten geht. Es geht einfach nur ums doofe Aufräumen. Und wenn es mir nicht immer gelingt, die Unordnung durch Ablenkmanöver zu kaschieren, ist es vielleicht besser für mich, die Flucht nach vorne anzutreten und zu sagen: „Ja, ich bin oft unordentlich, weil ich viel arbeite, die Kinder dennoch mittags von Schule und Kindergarten nach Hause hole und mich danach mit ihnen beschäftige statt mit dem Haushalt.“ Das ist nicht böse, oder?

 

Haushalt oder Buchprojekte?

Aber warum um alles in der Welt, Ladys und Gentleman, fällt es uns so schwer, dass wir das zugeben? Dass wir oft Stapel bilden und im Flur über die hingepfefferten Schuhe stolpern? (Gut, ja, es gibt auch Euch andere: Euch, die Ihr echt Ordnung haltet und halten könnt. Ich bewundere Euch dafür, hätte aber tatsächlich keine Zeit dazu. Ich bin sicher: Hätte ich in den vergangenen Jahren immer einen perfekten Haushalt gehabt, hätte ich meine Bücher nicht schreiben können, etwa den „Fettnäpfchenführer Bayern“ nicht: Irgendwo muss die Zeit für solche Projekte ja herkommen.)

Und Leute: Die Zeiten sind doch echt vorbei, oder, in denen wir denken, jemand hat sein Leben nicht im Griff, nur weil er die Unterlagenberge auf seinem Schreibtisch nicht im Griff hat? Oder, ODER? Die Zeiten, in denen brave Hausfrauen morgens aufstehen, um gleich danach das Bett zu machen, Tagesdeckchen drüber legen – etc. Obwohl: Meine Oma fragte schon mal, ob ich denn gleich in der Früh „das Bett für euch mache“, oder erst nach dem Frühstück. Hm, warum eigentlich ich und nicht der Mann? Aber nun ja, Ihr ahnt es: Manchmal bleibt unser Bett verkruschelt, manchmal machen WIR es abends, bevor wir wieder reinschlüpfen.

Sympathischer Pedant: Matthias Mangiapane

Ich fand den pingeligen Ex-Dschungelcamper Matthias Mangiapane trotzdem sympathisch in der Talkrunde. Weil er authentisch deutlich gemacht hat, dass er andere Leute nicht verurteilt, die nicht so pedantisch sind wie er. Er wäre sogar lieber gelassener. Wie er es schafft, trotz vieler Jobs den Haushalt perfekt zu halten? Nun ja, er steht täglich gegen vier, halb fünf jeden Tag auf, nach vier bis viereinhalb Stunden Schlaf. Äh – alles klar. Wenn mein Tag drei, vier Stunden mehr hätte, würde ich vielleicht auch mehr hinkriegen. Jedenfalls mehr Buchprojekte, hehe. 😉

Was ich zwar ästhetisch schön finde, aber weniger sympathisch: die weißen und pastelligen Zimmer auf Instagram. Kinderzimmer, wohlgemerkt! Leute, wie treibt Ihr Euren Kiddies aus, zu toben, mit Farbe zu hantieren, zu basteln? Meine Kinder sind leidenschaftliche Steinebemaler, ihr liebstes Werkzeug sind Acrylfarben. Ja, die Farben, die schwer von Möbeln und gar nicht aus Kleidern rausgehen. Wisst Ihr was? Es ist mir weitgehend egal, denn was zählt, sind die Werke, die entstehen, wenn sie malen. Dass sie kreativ sind und nicht nur den ganzen Tag lang an der Nintendo Switch hängen, was keinen Dreck machen würde. Und ja, natürlich wohnen wir nicht in einer kompletten Dreckbude. Sauberkeit ist für mich allerdings wieder ein anderes Thema. Natürlich sind unsere Bäder (meistens) geputzt, und die Küche transportiert keinen Schimmel. Natürlich saugen wir mehrmals die Woche durch, und dann leider auch manchmal Legosteine ein, die gelegentlich in wirklich allen Zimmern liegen. Über dem gesaugten Boden sammeln sich dann aber schnell wieder herumliegende Einzelsocken und Bastel-Späne an.

Mehr Offenheit, please!

Was ich jedenfalls sagen will: Lasst uns offen darüber reden und zugeben, dass der Haushalt nicht immer oberste Priorität hat (- wenn es so ist). Dass wir das gar nicht immer schaffen können, weil wir tatsächlich mehrfach „belastet“ sind als Eltern zwischen Business und Bringdiensten, Kochen und Kutschieren. Dass es für manche von uns wichtiger ist, einen Ausflug zu machen statt die Bude zu polieren. Dass der Abwasch bis morgen warten kann, weil heute noch Netflix geschaut wird. Oder aus aktuellem Anlass: Nachtcafé. Dass wir viel Lebenszeit für inhaltlichere Dinge als weiße, pastellige, saisonal dekorierte Buden aufwenden wollen. Und dass das okay ist und wir uns nicht dafür schämen müssen. Dass wir deshalb keine Messies sind, sondern normale Menschen, die schon irgendwann wieder Ordnung schaffen, aber nicht dauernd und ständig. Was es für einen Druck von uns allen nehmen würde, wenn wir einfach transparent über diese kleine Lässigkeit von vielen von uns sprechen würden!

Die Sendung mit dem zauberhaften Moderator Michael Steinbrecher kommt heute, Freitag , den 17. Juli, um 22 Uhr im SWR. Ich freu mich, wenn Ihr einschaltet und mitdiskutiert.

PS: Warum ich das alles schaffe, werde ich oft gefragt: Bücherschreiben, Blog, journalistische Arbeiten. Ich schaffe es, weil ich nicht alles schaffe.

 

2 Kommentare bei „Wieviel Unordnung ist in Ordnung? Lasst uns offen darüber reden, was wir nicht im Haushalt schaffen – und wie ich es mit meinem Chaos in die „Nachtcafé“-Talkshow schaffte“

  1. Du warst großartig im Nachtcafé und es gibt eben die verschiedenen Ansichten von Ordnung und Unordnung. Was für mich Ordnung ist, ist für manch anderen schon unordentlich. Deshalb soll jeder so leben, wie es ihm gefällt. Bei uns zuhause ist es zum Beispiel immer nur dann ordentlich, wenn Besuch kommt 😉
    Liebe Grüße Anke

    1. Auf das, was im Leben wirklich zählt! 😀

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