Warum wir alle gerade wie verrückt aufräumen. Oder: Bis keiner mehr alle Tassen im Schrank hat

Jetzt hab ich’s auch getan, ich habe meinen Kleiderschrank komplett ausgemistet und im Zweifel eine olle Klamotte eher weggeworfen als doch wieder behalten. Das Aufräum-Virus hat nun auch mich erwischt, wenn auch in einer vergleichsweise milden Form. Ihr lieben Leute in meinen Timelines auf Facebook, Instagram und Twitter – Ihr scheint richtig dolle davon erfasst zu sein. Gefühlt tut Ihr es gerade alle, jeden Tag, mit größtem Erfolg: alles wegwerfen, was nicht bei drei positive Gefühle in Euch auslöst, und nicht einmal besorgen, was im Laden verzweifelt „Kauf mich!“ ruft.

Die von mir hochgeschätzte Patricia von „Mom’s Blog“ etwa hat jüngst auf Instagram gepostet, dass sie im vergangenen Jahr sage und schreibe nur 33 Euro für Kleidung ausgegeben hat – und zwar nicht, weil sie bewusst gespart hätte. Sie hatte schlichtweg gemerkt, dass sie gar nicht so viel braucht und eh fast immer dasselbe trägt. Wie ich auch, zugegebenermaßen: Am liebsten zieht frau doch eh ihre Lieblingsteilchen an.


Was ist schlimmer: 40 Tage in der Wüste oder 40 Tage Aufräumen?

Patricia würde bestimmt auch gut bei der Instagram-Challenge von zeit_statt_zeug abschneiden, in der es in 40 (!) aufeinander folgenden Tagen darum geht, auszumisten, was das Zeug hält. Die Tagesaufgaben lauten etwa „Ordne deine Pinnwand neu“, „Für Ordnung in der Handtasche sorgen“ oder „Trenne dich von überflüssigen Tassen“. 40 Tage ausgerechnet – die Zahl mit hoher Symbolkraft: 40 Tage war Moses Gott auf dem Sinai nahe, 40 Tage ging Jesus in die Wüste, 40 Tage ergoss sich der Regen der Sintflut auf die Erde. Drunter ging es wohl nicht? Ich vermute: Nein. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass etwa Marie Kondo, die Päpstin allen Aufräumens, der ganzen Welt predigen darf, wie sie ihr Dasein aufs Wesentliche ausmisten können – und dafür papstgleich gefeiert wird. (Dass ich Frau Kondo bisher im Beitrag noch nicht erwähnt habe trotz ihres hohen Status in dieser Angelegenheit, liegt auch nur an der Unordnung in meinem Kopf.) Ich muss leider zugeben, dass ich bisher weder ihre Bücher gelesen noch ihre Netflix-Serie geschaut habe – aber die Tatsache, dass eine Frau, die das Aufräumen zur Chefsache erklärt hat, Millionen verdient statt, wie Kolleginnen mit ähnlichen Themenschwerpunkten, als Putzfrau nur den Mindestlohn bekommen, das will nicht so recht in meinen Kopf.

Aufräumen – ein Trend, bei dem ich nur verlieren kann

Ich muss auch zugeben: Bei diesem Trend werde ich nie die Nase vorne haben. Aufräumen war noch nie das, worin ich gut war. Seit ich Kinder habe, versuche ich zwar, besser darin zu werden – sie sollen schließlich nicht in einer Schmutzbude wohnen und sich später besser zurechtfinden als ich es immer in meinem Chaos tat. Damit wir diesem Ziel näher kommen, leisten wir uns einmal pro Woche eine Putzfrau. Sie dient auch meiner Disziplinierung: Einmal pro Woche ist seit ihrem Eintritt in unseren Haushalt nämlich „Putzen und Aufräumen für die Putzfrau“ angesagt. Ich kann sie ja nicht in eine völlig chaotische Bude kommen lassen….

Es ist auch gar nicht so, dass ich eine immer aufgeräumte Wohnung mit ordentlichen Schränken und Schubladen nicht schöner fände. Aber irgendwie hab ich das Aufräumen zum Einen nie so richtig gelernt, zum Anderen setze ich andere Prioritäten. Wenn mich Leute fragen, wie ich es schaffe, den Blog zu wuppen, journalistische Beiträge zu schreiben und dann auch noch Bücher zu veröffentlichen, obwohl ich die Kinder bereits mittags aus Schule und Kindergarten hole, dann könnte ich sie auf meinen leider nicht immer optimal geführten Haushalt verweisen. Das tue ich dann allerdings auch nicht: Wenn nämlich Besuch kommt, versuche ich, in aller Panik alles wegzuräumen, was ich vorher nicht einmal ignoriert hatte.

Aber Ihr merkt es ja: Ich bin infiziert. Vielleicht sollte ich tatsächlich bei der 40-Tages-Instagram-Challenge mitmachen und mit der Beharrlichkeit von Jesus höchstpersönlich zwar nicht durch die Wüste marschieren, aber beim Aufräumen dranbleiben. Oder ich könnte die Bibel von Marie Kondo lesen oder zumindest ihre Serie gucken. Und dabei könnte ich ja gleich ein bisschen bügeln, was ich auch nie tue, denn akkurat gefaltete Klamotten sähen in meinem sichtbar reduziert eingeräumten Kleiderschrank bestimmt auch gut aus.

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5 Kommentare bei „Warum wir alle gerade wie verrückt aufräumen. Oder: Bis keiner mehr alle Tassen im Schrank hat“

  1. Bei mir wäre es so: Ich halte höchstens 20 Tage von 40 durch und dann bliebt alles wieder beim Alten. Und kann bitte mal jemand bei mir vorbeikommen: Unser Keller hätte dringend eine „Aufräumung“ nötig, da kommt man nicht mehr durch ohne irgendwo drüberzufallen.
    LG Anke

  2. Ich habe dieses Jahr auch etwas gestartet: #jedentageins. Ich trenne mich jeden Tag von irgendetwas, das ich nicht mehr brauche. Ich habe einfach zu viel Zeug. Das ist der einzige Grund. Aber ich mag den ganzen Hype um Kondo nicht. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass ich aufräumen muss oder wie ich Ordnung halten soll. So etwas habe ich von zu Hause gelernt. Aber ehrlich, der eine mag es halt so, der andere so. Warum müssen wir alle unsere Klamotten gleich falten? Weil Frau Kondo es sagt? Ne, also mir muss das keiner sagen. Ich mag die „Bevormundung“ nicht… Nicht beim Ordnung halten, Putzen oder bei irgendwelchen anderen Dingen. Toller Beitrag… LG aus Stuttgart in’s wunderschöne Bambersch

  3. Oh. neeee. Groß Ausmisten ist nicht so meins, wobei es schon etwas frei macht, wenn man sich Luft verschafft. Aus diesem Grund sammeln wir erst gar nicht so viel Prüll an, sondern misten eigentlich regelmäßig aus. Dann hat man keine Groß-Aktionen. Unsere Frieda kann sich allerdings unglaublich schlecht trennen…

  4. Das Ding bei Marie Kondo ist ja, dass einem das Aufräumen hinterher viel leichter fallen soll, weil eben alles einen festen Platz hat. Und ich persönlich habe so viel Zeug, ich freue mich darauf, das alles loszuwerden und meinen Haushalt zu reduzieren und neu zu ordnen. Gelernt habe ich Aufräumen auch nicht, aber sie beschreibt in ihrem Buch schon sehr genau, wie es geht. Ich hoffe auf den Effekt: Aufgeräumtes Heim- aufgeräumtes Ich.

  5. […] bekomme ich spätestens, wenn sich spontan Besuch ankündigt, Panik und versuche, doch noch schnell aufzuräumen. Manchmal lotse ich die Besucher aber statt ins unaufgeräumte Wohnzimmer gleich in den Garten, wo […]

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