Mein Kind – ein Linkshänder? Wie wir die Händigkeit erkennen und weiter fördern können

„Wenn du nicht mit der rechten Hand malst, darfst du nicht in die Schule.“ Das war der Satz, der das Leben von Heike Schippel verändert hat. Sie hatte sich auf die Schule gefreut – und konnte es kaum erwarten, mit ihrer Freundin in eine Klasse zu kommen. Es war also klar für sie, dass sie den Stift von nun an in die rechte Hand nahm, auch wenn sich das nicht gut angefühlt hat… Viele Probleme in der Schule später hat sie verstanden, was mit ihr los ist: Sie ist umgeschulte Linkshänderin! Von da an beschäftigte sie sich eingehend mit ihrer Linken, ließ sich wieder rückschulen – und ist heute von Beruf Linkshänderberaterin und Pädagogin. Welche Folgen es hat, wenn die richtige Hand ignoriert wird – und wie Eltern ihr Linkshänder-Kind richtig fördern, das verrät sie im heutigen Gastbeitrag.

„Ich bin mir nicht richtig vorgekommen“

„Lange Zeit bin ich mir nicht richtig vorgekommen. Ich hatte zeitweise Probleme beim Lernen, konnte mir schwer etwas merken. Das Lesen fiel mir schwer – und beim Schreiben ließ ich oft Buchstaben aus oder verdrehte sie. In einer Bibliothek fiel mir viele Jahre später das Buch ‚Der umgeschulte Linkshänder‘ von Dr. Sattler in die Hände. Und dann sah ich klar: Ich bin eine umgeschulte Linkshänderin! Alles, was ich erlebt und gefühlt hatte, fand ich in diesem Buch wieder. Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich nicht auf rechts umgeschult worden wäre? 

Ist Linkshändigkeit ein Makel?

Es ist ein Aberglaube: Die linke Seite sei die schlechte Seite, die Unglücksseite. Linkshänder wären vom Teufel besessen, auch dieser Gedanke schwelte früher in den Köpfen der Menschen. Auch heute noch werden Linkshänder in einigen Ländern aus religiösen Gründen diskriminiert. Dabei ist Linkshändigkeit weder eine Behinderung noch ein Makel, sondern ganz natürlich. In Deutschland sind etwa 15 bis 20 Prozent der Einwohner Linkshänder, die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen, ohne dass die Betroffenen es selbst wissen. Manche Schätzungen gehen sogar so weit, dass etwa 50 Prozent der Menschen Linkshänder sein sollen.

Bitte nicht umschulen!

„Gib die schöne Hand!“. Noch bis in die 70er Jahre war es völlig normal, linkshändige Kinder zur Not auch mit Gewalt auf das Schreiben mit der rechten Hand „umzutrainieren“. Auch heute noch gibt es Eltern, die aus vermeintlicher Fürsorge ihrem Kind das Schreiben mit der „richtigen“, sprich der rechten Hand,  angewöhnen möchten. Sei es aus Angst, ihr Kind könnte anders und dadurch ein Außenseiter sein oder es hätte später einfach Nachteile in Schule und Job.  

„Bitte nicht umschulen!“ Diese goldene Regel möchte ich allen Eltern mitgeben, die vermuten, dass ihr Kind Linkshänder sein könnte. Denn wenn ich Ihnen gleich mitteile, welche Nachteile Ihr Kind dadurch erfahren könnte, werden Sie staunen:

  •       Probleme beim Lernen und Behalten (Gedächtnisprobleme)
  •       Konzentrationsprobleme
  •       Verhaltensauffälligkeiten (Klassenkasper oder überangepasstes Verhalten)
  •       Minderwertigkeitsgefühle
  •       Lese- Rechtschreibschwäche
  •       Stottern

Ab wann prägt sich die Händigkeit aus?

Wie wir nun wissen, können die Folgen einer Umschulung der Händigkeit einschneidend sein. Deshalb ist es wichtig, von Anfang an zu schauen, welche Hand das eigene Kind vorwiegend benutzt. Die Händigkeit wird bereits in Mamas Bauch festgelegt. Sie ergibt sich aus der Führung einer Gehirnhälfte. Da sich die Nervenbahnen am Hinterkopf kreuzen, steuert die linke Gehirnhälfte die rechte Körperseite und die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperseite. Vielleicht sehen Sie ja sogar schon auf den Ultraschallbildern, dass Ihr Baby gerne am linken Daumen nuckelt? 😉

Etwa ab dem 8. Monat können Eltern gezielt mit der Beobachtung der Händigkeit beginnen. Wenn Sie bei der Beobachtung sehen, dass ihr Kind beide Hände abwechselnd nutzt, ist das in den ersten Lebensmonaten ein normales Verhalten, kann später aber auch ein Hinweis auf Modell- und Nachahmungsverhalten sein. Frühkindliches Lernen basiert auf Nachahmung. Diese frühkindliches Nachahmungsverhalten kann bei besonders aufgeweckten intelligenten Kindern zu einer unbemerkten Umschulung der eigentlich angeborenen Händigkeit führen.  Spätestens mit 5 Jahren sollte dann feststehen, welche Seite ein Kind bevorzugt. Dies ist auch wichtig, wenn wir an die Einschulung denken. Eltern und LehrerInnen sollten dann Bescheid wissen, ob das Kind Links- oder Rechtshänder ist, um es schulisch optimal zu fördern.

Wie erkenne ich, ob mein Kind Linkshänder ist?

Im Normalfall verrät die bevorzugte Seite die Händigkeit. Bei der Beobachtung ist es wichtig, zwischen gelernten und spontanen, nicht gelernten Bewegungen zu unterscheiden. Alles was gelernt wurde sagt mehr über den Lehrenden als über das Kind aus. Je kleiner die Kinder sind, umso spontaner sind ihre Bewegungen und umso besser lassen sie sich beobachten. Wichtig ist auch, wo der Gegenstand, der gegriffen wird, liegt. Fragen Sie sich, gebe ich meinem Kind den Löffel automatisch in die rechte Hand? Günstiger ist es, die Gegenstände in die Mitte zu legen und zu schauen, mit welcher Hand das Kind zugreift.

Mini-Checkliste für Eltern: „Beobachtung der Händigkeit“

Wird bevorzugt die linke Hand benutzt, ist Ihr Kind wahrscheinlich linkshändig.

 

Selbsttests reichen nicht aus!

Leider kann es auch zu Verwechslungen kommen, wenn Eltern zum Händigkeitsdiagnostiker werden. Zum einen wechseln viele kleine Kinder anfangs, und manche Kinder auch bis zum 5. Lebensjahr, oft die Hand. Aber auch durch die Nachahmung der Eltern oder Geschwister kann es zu Irritationen kommen.  Eine genaue Bestimmung ist hier nur durch Fachpersonal (Linkshänderberater, Heilpädagogen und Ergotherapeuten) möglich.

Eine besonders gravierende Verwechslung kann vorliegen, wenn es während der Schwangerschaft oder der Entbindung einen Sauerstoffmangel gab. Dies kann zu Irritationen im Gehirn führen, wodurch es wiederum schwer möglich ist, die eigentlich starke Seite zu beobachten, weil diese durch fehlenden Sauerstoff geschwächt wurde und sich erst langsam, bis zum neunten Lebensjahr, erholt.

Da ist dann Hilfe gefragt, denn ebenso wie es für Linkshänder negative Folgen hat umgeschult zu werden, wäre es natürlich auch für einen eigentlichen Rechtshänder fatal, auf Links umgeschult zu werden. Außerdem brauchen Kinder mit einem pränatalen Sauerstoffmangel auch weitere, individuelle Hilfe. 

 

Wie können wir unserem Kind nun helfen?

Viele Eltern linkshändiger Kinder sind zunächst besorgt, wie sie ihr Kind von nun an fördern müssen. Die gute Förderung umfasst zum Beispiel das Bereitstellen der richtigen Materialien. Von der Linkshänderschere hat man mancherorts schon gehört, aber es gibt noch viel mehr: etwa Spielzeug, Musikinstrumente, Schreibunterlagen, Kartoffelschäler. Außerdem fördern Sie Ihr Kind, wenn Sie es so annehmen, wie es ist. Linkshänder sind oft sehr kreativ. Nehmen Sie die Kreativität des linkshändigen Kindes ernst und als Stärke wahr.

Sie können sich vertrauensvoll an eine Linkshänderberaterin wenden, wenn Sie selbst Probleme beim Erkennen der Händigkeit haben.

Wo gibt es gute Beratung für Linkshänder?


Wo es Beratung gibt? Bei Heike Schippel direkt! Zur Website. Sie berät in Weimar und Umgebung.

Wer ganz woanders sucht, findet bei der ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder Hilfe. Telefon: 089/26 86 14. Internet: www.lefthander-consulting.org


Wenn Ihr Kind Linkshänder ist, dann ist vor dem ersten Schulbesuch auch ein Schulvorbereitungskurs sinnvoll. Dort lernen die Kinder selbstbewusst ihre dominante Hand einzusetzen und eine korrekte Haltung der Stifte, wodurch vielen schulischen Problemen, etwa einer verkrampften Schreibhaltung, der Wind aus den Segeln genommen werden kann.

Leider gab es in den 60er Jahren noch keine Linkshänderberater. Es hätte meine Kindheit  und mein Leben um einiges einfacher gestaltet. Da ich die Vergangenheit nicht ändern kann, habe ich es mir aber auf die Fahne geschrieben, in der Gegenwart linkshändigen Kindern und ihren Eltern zu helfen, damit sie nach dem Motto „Das mache ich mit links“ leben können.

Ich hoffe, Sie konnten einiges aus diesem kleinen Gastbeitrag mitnehmen und ich konnte Ihre Neugier auf die Rechtshirner und Linkshänder wecken ;-).“

Ganz bestimmt, liebe Heike! Vielen Dank Dir!

 

 

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