Ohne Trost nichts los: Warum wir Geschwistergeschenke verteilen, obwohl uns das in den Wahnsinn treibt

Wenn nur einer zum Namens- oder Geburtstag etwas geschenkt bekommt und der andere leer ausgeht, ist das natürlich „unfair“. Das Gegenmittel für dieses Dilemma heißt: Trostgeschenk. Papa Harry schreibt heute in einem Gastbeitrag über die Spirale, aus der es manchmal kein Entkommen gibt.

„Geburtstag hat jede Kuh.“ Das sagen manche strenge Katholiken, wenn sie begründen wollen, warum sie lieber Namenstag als Geburtstag feiern. Als Katholiken haben wir Namenspatrone, deren Gedenktage wir begehen. Ich selbst habe die Ehre, seit einigen Jahren nur einen Steinwurf vom Grab meines Namenspatrons Heinrich im Bamberger Dom entfernt zu arbeiten, und mein Namenstag wird jedes Jahr mit einem großen Fest auf dem Domplatz gefeiert. Natürlich feiern wir auch Geburtstag, und zum Namenstag gibt’s eher ein kleines Geschenk. Das wissen die Kinder auch inzwischen. Valentin hat bei uns mit seiner Geburt den 1. Februar zum Valentinstag gemacht, sodass er innerhalb von zwei Wochen gleich zweimal feiern darf, denn sein Namenstag am 14. Februar ist sogar noch populärer als mein Heinrichsfest. Das wiederum findet Antonia seit Jahren unfair. Denn während der Valentinstag im Februar ständig im Radio und im Werbefernsehen thematisiert wird, spricht keiner vom Antoniatag. Der Tag des heiligen Antonius von Padua ist nämlich am 13. Juni. Ihr Namenstag fiel dieses Jahr in unseren Sommerurlaub. In einem Souvenirgeschäft auf der Insel Kreta durfte sie sich ein Geschenk aussuchen – was angesichts des überbordenden Angebots an nutzlosem Glitzerkram eine schier unendliche Entscheidungsfindungsphase zur Folge hatte. Mit dem Ergebnis, dass sie sich eine Schmuckschachtel mit eingebauter Spieluhr aussuchte. (Die Aussicht, dass dieses Geschenk zur Ordnungsschaffung im heimischen Kinderzimmer beiträgt, ließ mich auch über die surreale Preisvorstellung des griechischen Souvenirhändlers hinwegsehen, der im Gegensatz zu meiner ersten Vermutung seine Ware tatsächlich in Euro und nicht in Drachmen ausgezeichnet hatte.)

Trostgeschenke: ein Dominoeffekt

Und was machte Valentin während dieser gefühlt dreistündigen Einkaufsprozedur? Natürlich suchte er sich zahlreiche Trostgeschenke aus. Denn wenn nur Antonia etwas bekommt, wäre das ja „unfair“ – übrigens die meistgebrauchte Vokabel im aktiven Wortschatz der beiden. Leider – oder zum Glück – konnte er sich für nichts entscheiden, sodass wir die Anschaffung des Trostgeschenkes auf den Besuch im Hotelshop verschoben, wo es ein reichhaltiges Angebot an Plastikdinos, Baustellenfahrzeugen und kindgerechten Schnellfeuerwaffen mit Gummigeschossen gab.  Die Entscheidungsphase dauerte hier nicht weniger lang – mit der Folge, dass Antonia in der gleichen Zeit sich ebenfalls etwas aussuchen wollte. Denn wenn nur Valentin etwas bekäme, wäre das ja … richtig: unfair. Natürlich war auch die Plastikschildkröte, der sie hoffnungslos verfallen war, ebenso hoffnungslos überteuert. Auch wenn es für sie „unfair“ war: Einen Dominoeffekt an Trostgeschenkansprüchen wollten wir verhindern – um buchstäblich jeden Preis. Deshalb musste sie diesmal leer ausgehen. Schließlich stehen in den nächsten Wochen noch einige Trostgeschenkanlässe bevor: Impftermin beim Kinderarzt, Zahnarztbesuch, Antonias Einschulung …

Dass wir es nicht übers Herz brachten, Antonia die heiß geliebte Schildkröte nicht zu kaufen, versteht sich von selbst. Sie hat sie bei der Abreise bekommen – als Trost dafür, dass der Urlaub zu Ende war. Und weil das unfair für Valentin wäre … Sie wissen schon. Manchmal sind wir einfach nicht ganz bei Trost.

3 Kommentare bei „Ohne Trost nichts los: Warum wir Geschwistergeschenke verteilen, obwohl uns das in den Wahnsinn treibt“

  1. Hallo,

    Geschwistergeschenke zum Geburtstag kenne ich aus meiner eigenen Kindheit nicht. Aber wenn zum Kindergeburtstag eingeladen wurde, dann gab es Spiele und da gab es dann auch für die Verlierer etwas, bzw. man hat geschaut das Spiele dabei waren, wo jeder etwas bekommt. Das fand ich eigentlich immer ganz fair. Und irgendwie muss man als Kind ja auch lernen, dass es nicht immer etwas gibt.
    Geschwister-Schultüten kenne ich allerdings auch von vor über 25 Jahren (Gott bin ich alt). Das habe ich auch nie als Problem gesehen. Eine Einschulung findet ja auch nur einmal statt und wiederholt sich nicht jedes Jahr ein vielfaches.

  2. Ja, das mit den Trostgeschenken gibt es bei uns auch. Meine Große hatte im Urlaub Geburtstag und ein paar Geschenke haben wir mitgenommen und für die Kleine auch eine Kleinigkeit, denn das ist ja sonst unfair. Vor allem die Klein schreit das ziemlich laut, „Mama das ist sooooo unfair, ich wünschte ich hätte Geburtstag“. Tja was soll man machen?

  3. Meine Kinder sind schon Anfang bzw. Mitte 20. Trostgeschenke kenne ich weder aus meiner Kindheit noch habe ich das so gehandhabt. Jeder hat einmal im Jahr Geburtstag; Namenstage werden in unserer Gegend nicht begangen, aber das Prinzip der Wiederholung ist dasselbe. Mal ist der eine im Mittelpunkt, mal der andere. Ich finde, dass Kinder das aushalten sollten, dass sie – völlig fair verteilt – bei den Anlässen etwas bekommen, die sie selbst betreffen. Und: Der Gedanke, dass ein Trostgeschenk gekauft werden muss, lässt sich nur aufrechterhalten, wenn die finanzielle Ressourcen dafür vorhanden sind.
    Als meine Kinder eingeschult wurden, habe ich ganz vereinzelt Geschwisterkinder mit Mini-Tüten gesehen. Ich habe das nicht verstanden, da sie doch in ein paar Jahren ebenfalls eingeschult werden und eine normale Schultüte bekommen würden.

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