“Die Weihnachtsbäckerei ist gar kein Weihnachtslied“: Ein Gespräch mit Rolf Zuckowski

„In der Weihnachtsbäckerei“, „Wie schön, dass du geboren bist…“, „Im Kindergarten“: Mit zahllosen Songs, über 13 Millionen verkauften Platten und CDs ist Rolf Zuckowski einer der erfolgreichsten Musiker und Liedermacher in Deutschland. Auf der aktuellen Tournee feiert er „40 Jahre Rolf-Musik“ (seit Erscheinen seiner „Vogelhochzeit“ im Jahr 1977).

Foto: Michael Reichel (ari)

Ich habe das Rolf-Zuckowski-Konzert in Bamberg gesehen – und durfte ihn tags darauf zum Gespräch treffen. Natürlich ging es um die „Weihnachtsbäckerei“ – aber auch um den eigentlichen Sinn des Fests der Liebe …

Herr Zuckowski, die „Weihnachtsbäckerei“ feiert dieses Jahr 30. Jubiläum. Das Lied wurde 1987 bei „Wetten, dass“ erstmals gesungen. Wie finden Sie es, dass heute dieses Lied bei Kindern fast populärer ist als „Stille Nacht?“

Rolf Zuckowski: Da ist man als Komponist und Textdichter machtlos. Da müsste man schon beim Schreiben ahnen, welche Dimensionen ein Lied bekommt, und sich überlegen, ob man dafür Verantwortung übernehmen kann. Lieder, die einen gewissen Erfolg bekommen, hat man nicht mehr im Griff. Das ist das große Glück unseres Berufs, aber es birgt auch eine große Verantwortung, denn man legt den Menschen, auch Kindern, ja Worte und Gedanken in den Kopf. Darüber muss man sich beim Schreiben, spätestens bei der Veröffentlichung, schon bewusst sein. Wenn der Begriff „Weihnachtsbäckerei“ so stark wird und das Lied diesen etwas mozartesken Melodieauftakt hat, dann kriegt es nun mal diese Kraft. Für mich ist es aber gar kein Weihnachtslied. Wenn mir jemand schreibt, er könne sich den Heiligenabend ohne dieses Lied nicht mehr vorstellen, dann macht mich das traurig. Denn mit dem Heiligenabend hat dieses Lied überhaupt nichts zu tun.

In vielen modernen Weihnachtsliedern ist vor allem von Winter, Schneebällen die Rede. Gerät damit der eigentliche Sinn von Weihnachten in den Hintergrund?

Rolf Zuckowski: Die beliebtesten Weihnachtslieder sind eigentlich gar keine. „Last Christmas“ ist zum Beispiel das Lied einer gekränkten Liebe. In meinen Liedern ist mir die christliche Botschaft schon sehr wichtig. Ich greife Worte auf, die man aus der Bibel kennt, auch aus Gottesdiensten, vermeide aber Frömmelei. Ich glaube, dass ich so ausdrücken kann, dass Weihnachten viel mehr ist als Geschenke und Schneeglitzern. Jeder muss schauen, wie bei ihm Weihnachten einzuordnen ist, im Herzen und im Kopf. Es gibt von mir ein Lied „Mitten in der Nacht“, da heißt es „Da wurde mitten in der Nacht ein Kind geboren“. Es wird seit zehn Jahren in der Florian-Silbereisen-Adventsshow zum Schluss von allen Interpreten gesungen. Und ich höre ganz oft von Leuten, für sie sei dieses Lied das, was früher mal „Stille Nacht“ war. Die christliche Botschaft von der Geburt Jesu, die Licht in unsere Welt bringt, wird hier sehr deutlich – auch wenn die Wörter „Gott“ und „Jesus“ gar nicht vorkommen. Ein anderes Lied mit einer tiefen Weihnachtsbotschaft ist „Wär uns der Himmel immer so nah“. Das ist auch der Titel eines neuen Albums mit meinen Weihnachtsliedern für Erwachsene, dazu gibt es, von Martin Tingvall, Klavier-Interpretationen meiner Kinder-Weihnachtslieder ohne Gesang. semi-klassisch, nicht jazzig, so dass man die musikalische Kraft dieser Lieder – auch der Weihnachtsbäckerei – wieder ganz anders spürt.

Ist der Advent für Sie eine stille Zeit?

Rolf Zuckowski: Es gibt ein Lied von mir, das heißt „Inseln der Stille“. Ich glaube, es ist eins meiner wichtigsten Lieder, das aber kaum beherzigt wird. „Weniger Geschenkpapier und goldverschnürtes Glück, weniger Berieselung durch Glöckchen und Musik … und dann mal sehn, was übrig bleibt: Mehr Weihnachten … Zeit um zu spür’n, dass es Inseln der Stille noch gibt.“ Ich würde mir einen stilleren Advent wünschen. Ich suche auch immer Orte auf, die diese Stille haben, eine kleine Gasse oder eine Kapelle, oder die Natur, die im Winter ihre eigene Stimmung hat. In unserem Haus ist der Advent eher still, beschaulich und nicht turbulent. Meine Frau schmückt die Wohnung schön am Abend vor dem 1. Advent. Wir legen Wert auf eine gewisse adventliche Besinnlichkeit. Auf Weihnachtsmärkte gehe ich nicht besonders gerne. Diesen glühweinseligen Trubel, den viele gerne mögen, brauche ich nicht so sehr.

Backen Sie selbst auch Weihnachtsplätzchen?

Rolf Zuckowski: Nein, ich bin ich in der Küche nur zu Gast zum Probieren. Meine Frau kann besonders gut backen und kochen und ist froh, dass ich ihr dieses Feld komplett überlasse. Ich bin über die Spiegeleier nicht hinausgekommen. Ich bin eher der Mensch, der gerne die Küche aufräumt.

Kommt bei Ihnen der Weihnachtsmann oder das Christkind?

Rolf Zuckowski: Keiner von beiden. Es gibt im Norden, wo ich lebe, natürlich den Weihnachtsmann an allen Ecken. Aber für mich ist er eher eine mal liebenswerte, mal fragwürdige Brauchtumsfigur. Wir haben eher versucht, durch das weniger konkrete Christkind unseren Kindern die Herzensangelegenheit Weihnachten näher zu bringen. Wenn man eine Figur braucht, die Geschenke überbringt, nimmt das eher etwas weg von der direkten Beziehung, die entsteht, wenn man sich gegenseitig eine Freude macht und sich seine Liebe zeigt. Aber in den Köpfen der Kinder ist viel Platz: Sie können durchaus ahnen oder wissen, dass die Geschenke von Mama und Papa oder Oma und Opa, sind und trotzdem das Christkind, oder meinetwegen auch den Weihnachtsmann, als den Überbringer sehen. Nur Angst vor diesem Überbringer sollten sie nicht haben.

Wie kam es zum Engagement für das Erich-Kästner-Kinderdorf in Oberschwarzach am Steigerwald?

Rolf Zuckowski: Das sind fünf Dorfgemeinschaften von Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihren eigenen Familien leben können. In den 80er Jahren bekam ich einen Brief der Leiterin Gunda Fleischhauer, die mir schrieb, dass die Gruppen auf ihren Fahrten immer meine Lieder hören und dass sie mich so gern mal kennenlernen wollten. Dann bin ich hingefahren und fand diese Gemeinschaften von Kindern und Erwachsenen dort sehr beeindruckend und warmherzig. Ich kenne die Kinder heute recht gut und bin gerne dort. Es gibt einen Kulturtreffpunkt, den Kästner-Salon, wo die Kinder und Jugendlichen kleine und größere Projekte gestalten und so auch etwas in die Umgebung ausstrahlen. Dadurch lernen sie sehr viel, von der Planung über den Kartenverkauf, Pressearbeit, Werbung, Dekoration, Licht und Ton sowie die Gästebewirtung, eben alles über die Durchführung einer Kulturveranstaltung. Das stärkt den Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein und die Jugendlichen werden darauf vorbereitet, irgendwann aus der Kinderdorf-Gemeinschaft herauszuwachsen und im Leben „da draußen“ zurechtzukommen. Sie behalten dabei immer den Rückhalt der Gemeinschaft.

Es gibt jetzt 40 Jahre „Rolf-Musik“. Wird heute weniger gesungen als früher? Viele Kinderchöre klagen über Nachwuchssorgen.

Rolf Zuckowski: Ich habe eher den Eindruck, dass es in den letzten Jahren eine Wende gegeben hat. Ich höre von Chören, die neu gegründet wurden. Ich höre von Chören, die einen Aufschwung erleben. Gospel-Chöre liegen wohl sehr im Trend, weil sie eine gute Brücke bilden zwischen Tradition und Pop, sie haben Rhythmus und Kraft und Beziehung zum Glauben. Es gab einen Niedergang, aber ich habe den Eindruck, dass der gestoppt wurde und dass es vielleicht sogar aufwärts geht. Ich glaube, dass viele Chorleiter, die von der Hochschule kommen, es nicht immer leichthaben, das Repertoire zu finden, das die Kinder gerne singen wollen. Man sollte die Kinder viele Lieder singen lassen, die sie richtig gerne singen. Und dazwischen auch mal wieder welche, die für die musikalische Erziehung und den kulturellen Horizont wichtig sind. Besonders schwierig ist es sicher, Jungs zum Singen zu bringen. Ich habe vor über zehn Jahren den Chor „Die Jungs“ gegründet. Dieser Chor wächst. Hier ist die größte Schwierigkeit, dass die Schüler immer mehr nachmittags Unterricht haben und da die Zeit fehlt, auch noch in einen Chor zu gehen.

Wir stellen uns vor, Rolf Zuckowski legt zur Entspannung eine CD ein. Welche Musik erklingt?

Rolf Zuckowski: Mein musikalisches Interesse ist sehr breit. Gestern habe ich auf einer Autofahrt zwei Stunden lang Kirchenmusik im Deutschlandfunk gehört, mit sehr schönen Worten zum Sonntag dazwischen. Ansonsten kann ich gut bei klassischer Musik entspannen, weil sie bei mir in der Regel ohne Worte ist. Die alten Meister verschiedener Epochen höre ich liebe als neue E-Musik. In der Unterhaltungsmusik höre ich gerne Songwritern zu, die mir gute Geschichten erzählen, inzwischen auch sehr oft auf Deutsch. Die junge Pop-Songwriter-Generation wie Johannes Oerding oder Tim Benzko hat ja richtig Bedeutung erlangt, auch bei mir. Die englischen Songwriter sind für mich musikalisch allerdings noch interessanter, allen voran Sting. Ich höre auch gerne moderne Folk-Musik, die ja gerade ein Revival erlebt. Passenger oder James Blunt zum Beispiel, aber auch Pop-Chansons von Frauen wie Zazie oder Berry aus Frankreich. Gitarren dürfen bei mir gerne im Vordergrund stehen, tragend ist für mich aber immer die Melodie. Manchmal höre ich auch Oldies. Aber man sollte m.E.  nicht in einer Oldie-Seligkeit nur zurückschauen. Schöne Erinnerungen sind gut, aber man muss auch vorwärts in die Zukunft schauen.

Gibt es in Ihrem Leben andere Leidenschaften außer Musik?

Rolf Zuckowski: Keine, die auch nur annährend so intensiv wäre. Vielleicht Reisen und überraschendes Essen. Ich esse gerne Dinge, die ich nicht kenne. Da bestelle ich gerne auch schon mal von der Speisekarte, was ich gar nicht verstehe, und lass mich überraschen.

Sie hatten schon vor vier Jahren angekündigt, sich aus dem Showgeschäft zurückziehen. Sie wirken aber noch voller Tatendrang. Was haben Sie noch vor?

Rolf Zuckowski: Ich mache keine eigenen großen Konzerte mehr und trete in großen Fernsehshows nicht mehr auf, präsentiere dort aber gern Talente, die ich fördern möchte. Aber ich wollte mich auch nicht zur Ruhe setzen, sondern Dinge tun, die ich in diesem Lebensabschnitt besonders gut tun kann, zum Beispiel anderen helfen, etwas auf die Beine zu stellen. Ich brauche nach meiner 40-Konzerte-Jubiläumstour, die am 3. Dezember endet erst mal eine Zeit der Besinnung. Es werden sicher Impulse von außen kommen, dafür will ich bewusst offen bleiben. Bei meiner Jubiläumstournee bin ich übrigens nur „aktiver Ehrengast“, der sich gerne hier und da in das Bühnengeschehen einbringt. Aber andere tragen die Verantwortung,  dafür bin ich unendlich dankbar, denn das entlastet mich sehr und sorgt für viele wunderbare Überraschungen. Eine große Tournee in dieser Dimension kann ich mir nicht mehr vorstellen, vielleicht wieder wenn ich 80 bin und es mir extrem gut geht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zuckowski!

Tipp: Gerade ist Rolf Zuckowskis neues Album erschienen – „Wär uns der Himmel immer so nah“. Für Erwachsene widmet sich der Musiker darin in gefühlvollen und tiefsinnigen Liedern der Advents- und Weihnachtszeit, die Instrumental-Stücke interpretiert der schwedische Jazzpianist Martin Tingvall. 

4 thoughts on ““Die Weihnachtsbäckerei ist gar kein Weihnachtslied“: Ein Gespräch mit Rolf Zuckowski”

  1. Also Nadine, da bin ich jetzt wirklich ein bisschen neidisch. Mit dem Mann hätte ich auch gerne mal gesprochen
    Sehr interessant. Und das mit den Qwihnachtsliedeen stimmt find ich schon: ein bisschen mehr Lieder, die wirklich von Weihnachten handeln. Das wär schön…

  2. Tolles Interview, dass einige Einblicke bietet. „Mitten in der Nacht“ finde ich auch das schönste Rolf-Zuckowski-Weihnachtslied. Es ist viel stimmungsvoller, als die „Weihnachtsbäckerei“, die vom Text her ja eher witzig daherkommt.

    1. Vielen Dank! Ja, „Mitten in der Nacht“ ist ganz wundervoll. Die „Weihnachtsbäckerei“ ist freilich lustig, aber eben: an Heiligabend brauchen wir das nicht mehr, da mag ich es „magischer“.

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