Magisch und malerisch: Ein Adventswochenende im „anderen Holland“

Bratwurst auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt? Ein weihnachtliches Konzert der Regensburger Domspatzen? Oder Christmas Shopping in New York? Kann man alles machen, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Wir haben in der vielleicht schönsten Zeit dieses Jahres allerdings etwas Ungewöhnlicheres unternommen, um den Advent richtig zu genießen: Wir haben ein vorweihnachtliches Wochenende in Gelderland verbracht, in „das andere Holland“, einer Region im deutsch-niederländischen Grenzgebiet.

Wie das war, lest Ihr in diesem Beitrag. Aber eins vorneweg: Wir sind immer noch berauscht von der magisch-malerischen Vorweihnachtsstimmung, die diese herrlichen Städte dort verbreiten, mit Hilfe ihrer Aktivitäten für die ganze Familie – und auch von den Sinterklaas-Traditionen, die auch wir Touristen miterleben durften. Ich will das jetzt jedes Jahr!

Roadtrip durchs unbekanntere Holland

Die Region Gelderland repräsentiert „das andere Holland“ – fern von Amsterdam, von der See. Dafür gibt es hier Flüsse, Weite, Windmühlen, Wanderwege, herrliche Landgüter, historische Städte mit bezaubernder Architektur, moderne, familienfreundliche Museen, bestes Essen von Pommes bis Gourmet. Hier lässt es sich herrlich in den Tag hineinleben, wir entdeckten viel, shoppen noch mehr – all das nicht weit von der Grenze nach Deutschland.
Den weihnachtlichen Roadtrip durch die für uns bisher unbekannte Gegend beginnen wir im „Van der Valk Hotel“ in Tiel. Als wir nach langer Autofahrt endlich an der Rezeption des Hauses stehen, fühlen wir uns sogleich festlich wie an Heiligabend. Neben den Empfangsdamen begrüßt uns dort nämlich der überlebensgroße Weihnachtsmann, an dessen Kutsche fleißige Rentiere gespannt waren. Überhaupt ist das ganze Hotel verschwenderisch üppig dekoriert, wir befinden uns im Sternenregen. Auf dem Weg zum Restaurant gehen wir durch einen Wald aus golden geschmückten Weihnachtsbäumen, überall Glitzer, geschmackvolle Einrichtung, Feierlichkeit. Mehr Weihnachten als dort geht nur bei der Christmette im Dom – und ich bezweifle, dass dort mehr dekoriert ist.

Dass wir im Hotel in Tiel gar nicht im Weihnachtswunderland sind, erkennen wir erst am nächsten Morgen beim Frühstück. Das ist herrlich holländisch mit Schokostreuseln, hagelslag genannt (- und es würde dem herrlichen Hotelfrühstück natürlich nicht gerecht werden, wenn wir es nur auf hagelslag reduzieren – aber das ist natürlich das Außergewöhnlichste für uns).

Windmühle im Weihnachtswunderland

Nach dem hagelslag-Mahl steht erstmal Sightseeing an. Wir schauen uns vormittags das Städtchen Buren an, mit seinen bezaubernden Häuschen weitgehend aus dem 17. und 18. Jahrhundert – und lernen, dass 1551 Wilhelm von Oranien hier die junge Gräfin Anna geheiratet hat, Tochter des damaligen Grafen von Buren. Überall in der Stadt gibt es Zeugnisse der Verbindung der beiden, ein Museum, ein Denkmal.

Wir fühlen uns überhaupt ein bisschen im Museum hier, in den malerischen Gässchen, die durch geschmackvolle Weihnachtsdekoration aussehen wie in einem romantischen Liebesfilm. Als wir die Windmühle des Ortes erreichen, haben wir Glück: Der Müller ist da und lädt uns ein, das 300 Jahre alte Bauwerk zu besteigen. Beeindruckend, draußen auf dem ersten Stock zu stehen, ganz nah am Windrad, das dazu beiträgt, pro Monat immer noch 50 bis 60 Kilo Mehl zu produzieren.

Willst du viel, geh nach Tiel

Danach steht quirliges Kontrastprogramm an: Wir christmasshoppen in der Fußgängerzone von Tiel. Gezielt steuern wir zu HEMA, einem der beliebtesten Shoppingziele in Holland und für manche kaufwütige Frauen bestimmt allein die Reise nach Holland wert. Auch wir holen uns die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, fast alle im nordischen Design, wie Weihnachtsdeko, Teller (die aussehen wie von Rice), Kinderklamotten, dazu Bastelkram, Geschenke für die Freunde und für uns holländische Süßigkeiten. HEMA ist übrigens nichts für genervte Ehemänner. Harry stellt an der Kasse mit Blick auf die prall gefüllten Einkaufstüten fest: HEMA sei wie IKEA ohne Möbel.

Foto: Hema in Nijmegen

Beim „Zwarten Piet“

Wieder draußen, treffen wir den „Zwarten Piet“ (schwarzen Peter). Er ist der Helfer von Sinterklaas, wie der Nikolaus in Holland heißt. Und jetzt wird es politisch inkorrekt: Piet ist zwar im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen Knecht Ruprecht alias Krampus ein überaus sympathisches und bei Groß und Klein beliebtes Kerlchen, das den Kindern statt Schlägen mit der Rute „Pepernoten“ bringt (kleine Gebäckstückchen, die mit den deutschen „Pfeffernüssen“ nur den Namen gemein haben). Allerdings wird er von einigen aufgrund seiner Hautfarbe und Herkunft übel diskriminiert. Weil sein Outfit, das man sich so ähnlich wie das des „Sarotti-Mohr“ vorstellen muss, die Älteren unter uns an die Zeit der Kindersklaverei erinnern könnte, gibt es jedes Jahr aufs Neue die Diskussion darüber, der „Zwarte Piet“ sei eine rassistische Figur – bis hin zur Forderung nach seiner ersatzlosen Abschaffung.
Ich finde das bedauerlich, diese Figur zaubert allen Kindern ein fröhliches Lachen ins Gesicht. In fast allen Schaufenstern sieht man ihn als lustige Dekoration, über die wir immer wieder staunen. Eine geniale Figur, die ich bereits jetzt vermisse, wenn ich daran denke, dass er im kommenden Jahr wohl unsere Vorweihnachtszeit nicht versüßen wird. Es sei denn, wir kommen wieder …

„High Tea“: Einmal Tee mit allem, bitte

Wir gehen danach auf eine Tasse Tee ins Grand Café „Hart van der Betuwe“. Denken wir zumindest. „High Tea“ heißt das Arrangement, das wir gebucht haben und das in Holland eine Tradition hat. Wie in Großbritannien, denken wir, und erwarten leckeres Gebäck dazu. Das gibt es. Aber dann gibt es noch viele Gänge mehr, von deftig bis nochmals süß – Gulaschsuppe, Sandwiches, eine Quiche etc.

Ich finde es lustig, dass die Holländer zumindest hier mit Kuchen anfangen und danach das Hauptmahl reichen. Wir Deutschen schauen mal, ob nach dem Deftigen noch ein Nachtisch geht. Da werden im Land der unendlichen Süßigkeiten wohl andere Prioritäten gesetzt :).

Marmelademachen mit Flipje

So satt können wir anschließend das Essen nur noch ansehen: im Marmeladen- und Flipje-Museum, das gemeinsam mit dem Tieler Heimatmuseum in einem früheren vornehmen Herrenclub von 1789 untergebracht ist. Flipje ist das Maskottchen der Gegend hier, früher stand es für den Verkauf von Marmelade und Obst. Einen charmanten Einblick in die Obstverarbeitung früherer Zeiten erhalten wir hier.

Der Sack von „Sinterklaas“

Den Abend verbringen wir in der ältesten Stadt der Niederlande – in Nijmegen, deutsch Nimwegen, wo wir im Hotel Grand Café Atlanta mitten im Stadtzentrum einchecken.

Das Atlanta ist ein typisches Stadthotel mit äußerst charmantem Café im Erdgeschoss. Die Zimmer sind etwas klein, sie wären passender für ein Paar als für eine Familie. Das große Plus aber, dass es mitten in der Fußgängerzone mit ihren diversen Sinterklaas-Aktivitäten liegt, tröstet uns ganz schnell darüber hinweg. Wobei, für die erste Begegnung mit Sint müssen wir das Zimmer gar nicht verlassen: Auf dem Bett wartet ein Sack von Sinterklaas auf uns, mit vielen Päckchen darin. Alle sind namentlich an uns adressiert. Wahnsinn! Bescherung! Bekommen haben wir zum Beispiel die Anfangsbuchstaben unserer Vornamen aus Schokolade. Diese Buchstaben haben in Holland eine Tradition: Früher wurden die Geschenke zu Nikolaus mit einem Tuch bedeckt. Damit die Kinder wussten, was für sie bestimmt ist, lag ein aus Brot gebackener Buchstabe ihres Vornamens auf ihren Päckchen. Jetzt gibt es Schokolade statt Brot. Auch nicht verkehrt, oder? Wir haben außerdem bekommen: Käse, Nüsse, Spielzeug, ein Bastelset. Was für ein Glück, dass wir in diesem Jahr sowohl den holländischen Sinterklaas als auch und das deutsche Christkind erleben dürfen!

Das Haus vom Nikolaus
Um uns zu bedanken, versuchen wir, den holländischen Nikolaus zu besuchen – und gehen zum „Huis van Sinterklaas“, das in einem Teil eines alten Klosters mitten in der Innenstadt zu bestaunen ist. Es ist mit antiken, ausladenden Möbeln eingerichtet – doch leider ist der Hausherr selbst nicht da, er hat ja so viel zu tun. Heimlich setzen wir uns deshalb in seinen Stuhl …

Weihnachten im Waffenarsenal

Eigentlich wollten wir vor dem Abendessen noch am Flußufer und am Strand spazieren gehen, es soll hier herrliche Wege geben. Wir können aber nur einen Blick auf die schöne Landschaft werfen – es wurde einfach zu schnell dunkel. Also nichts wie weiter zu einem hell beleuchteten, opulenten Ziegelbau in der City, einem ehemaligen Waffenarsenal. Das „Vlaams Arsenaal“ ist jetzt ein luftiges, stylisches, fröhliches Restaurant – und schon wieder sind wir beschwipst von der Weihnachtsatmosphäre, die hier kunstvoll inszeniert wird. Ein tolles Erlebnis. (Wie übrigens Pommes im feinen Lokal gereicht werden, könnt Ihr auch in den Bildern sehen).

Wie ein echter Bischof

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zum Tivoli im nahe gelegenen Berg en Dal, einem kleinen Freizeitpark, der im Sommer tolle Fahrgeschäfte für kleinere Kinder bietet und jetzt kleinere Aktivitäten, bei denen die meisten im Indoor-Spielplatz stattfinden. Das ist sehr nett – doch das Highlight für uns ist, dass wir hier endlich persönlich auf Sinterklaas treffen.
Hier in Holland tritt er mit viel Würde auf, in spitzenbesetztem Gewand, rotem Bischofsmantel, Stab, eine Mitra auf dem Kopf, dazu trägt er Stola, weiße Handschuhe und einen Bischofsring. Wie ein Bischof im Hochamt eben und nicht wie eine lächerliche Witzfigur aus der Coca-Cola-Werbung. Dabei hat er ein paar schwarze Piets als fleißige wie charmante Helfer, und auch die Kinder können zum Piet werden, indem sie bei verschiedenen Aufgaben das passende Diplom erwerben. Das bestehen alle und bekommen Geschenke zur Belohnung sowie einen Fototermin beim Bischof. Ich übrigens auch ;-).

Pfannkuchen als Geburtstagskuchen

Danach gehen wir im Pfannkuchenrestaurant De Duivelsberg essen, das idyllisch mitten im Wald liegt, fünf Minuten vom Tivoli entfernt. Lustig, dass hier jeder seinen Pannekoek vor sich hat, wie anderswo eine Pizza. Übrigens feiere ich hier und heute Geburtstag, aber das soll nicht das Thema dieses Beitrags sein. Nur so viel: einen besseren Geburtstagskuchen als einen Pannekoek hätte ich mir nicht wünschen können.

Bilderberg: Geheimtreffen am falschen Ort

Nächster Halt: Bilderberg. Schon mal gehört? Wir haben zuerst eine falsche Adresse bekommen und steigen im falschen Hotel aus, im Hotel de Bilderberg in Oosterbeek. Ist aber interessant, denn hier betreten wir historischen Boden. Hier fanden die ersten Geheimtreffen einflussreicher Menschen aus Wirtschaft. Politik, Militär, Geheimdienst statt, die da unter Ausschluss der Öffentlichkeit reden. Inzwischen findet die Bilderberg-Konferenz an verschiedenen Orten statt, geheimnisvoll ist es immer noch.
Wir wechseln auch den Ort und fahren fünf Minuten weiter, zum Hotel Bilderberg Wolfheze, mit Schwimmbad und französischem Restaurant, wo wir uns durch ein herrliches Menü schlemmen.

Winter wie früher

Das charmante Haus ist ein guter Ausgangspunkt für unseren Ausflug nach Arnheim, zu Nederlands Openluchtmuseum, ein Freilichtmuseum, das im Sommer einen Überblick über das Leben in den Niederlanden in den vergangenen 350 Jahren gibt – und jetzt über den Winter, wie er früher war. Herrlich. Wir grillen ein Stockbrot überm Lagerfeuer und besuchen eine Winterkirmes wie früher, wo wir versuchen, mit Sandsäcken Dosen umzuwerfen. Wir fahren mit Reifen einen künstlich angelegten Schneehügel hinab und drehen ein paar Runde auf einer Eisfläche, niederländische Sinterklaas-Lieder auf den Ohren. Schwer beeindruckt, wie interaktiv ein Museum sein kann, machen wir uns im Laufe des Nachmittags auf den Weg nach Hause. Und schweren Herzens, denn in diesem Winterwunderland hätten wir es noch länger ausgehalten. Und jetzt? Jetzt müssen wir uns ganz schön anstrengen, dass wir Weihnachten bei uns einen ähnlichen Zauber hinbekommen wie beim holländischen Sinterklaas.


Danke an „das andere Holland“ für die Einladung, in 48 Stunden die Region kennenzulernen. Weil unsere Anfahrt mehrstündig war, haben wir auf eigene Kosten die Nacht im „Van der Valk“-Hotel in Tiel vornedran gehängt.

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