Teuflisch gut: Andreas Eschbachs „Teufelsgold“

Als großer Fan von Andreas Eschbach habe ich sein neues Buch „Teufelsgold“ lange erwartet – und mich 0e3443fbfc55e3e8gerne überraschen lassen, was und worüber er diesmal geschrieben hat. Denn der Beststellerautor ist seit Jahren immer wieder für eine Überraschung gut. Anders als bei Dan Brown gleicht kein Buch dem anderen. Gemein haben sie nur eins: Hochspannung bis zur letzten Seite.

Eschbachs Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen kein Thema zu groß ist und dass es ihm gelingt, nach rationalem Verstand unmögliche Dinge als völlig glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das war schon im „Jesus-Video“ so, wo man ihm die Möglichkeit einer Zeitreise abnimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. Diesmal geht es wieder um ein großes Thema der Menschheit: die Suche nach dem „Stein der Weisen“, der für die Alchemisten die Möglichkeit darstellt, (Teufels-) Gold herzustellen, in Wahrheit aber für noch viel mehr seht: dem Streben nach Unsterblichkeit und dem Sinn des Lebens. Aus der Gier nach Geld und Gold wird die Gier nach ewiger Jugend.

Gibt es den Stein der Weisen?

Unser Held heißt Hendrik Busske und ist felsenfest im Diesseits verwurzelt. Als Finanzberater erklärt er in hochbezahlten Seminaren, wie man mit Pseudo-Börsentricks reich wird. Reich wird er vor allem selbst, was ihn aber nicht unbedingt glücklich macht. Seine Aktienempfehlungen findet er, indem er mit Dartpfeilen auf nichtssagende Phrasen wirft, die er seinen Kunden als todsichere Spekulationen andreht. Ausgebuffter geht’s nicht, und auch die Frauen liegen ihm zu Füßen, so auch die schöne Laura, die in seinem Hotelzimmer das mir bislang nicht bekannte Delikt des Beischlaf-Diebstahls begeht. Sie stiehlt ihm nach lustvoller Nacht ein Jahrhunderte altes Buch, das Hendrik selbst aus einem Antiquariat entwendet hat.  Das Buch erzählt die Erlebnisse des Alchemisten John Scoro, der es beherrscht, Quecksilber zu Gold verwandeln. Doch es ist gefährliches Gold: es ist radioaktiv und tötet Menschen, die mit ihm in Berührung kommen. Es ist Teufelsgold.  Als dann irgendwo in Franken bei Ausgrabungen eine goldene Ritterrüstung entdeckt wird, liegt der Verdacht nahe: Existiert der Stein der Weisen wirklich?

eschbachImmer wieder sind in dem 500-Seiten-Buch lange Passagen aus diesen alten Schriften wiedergegeben – das muss man mögen. Die historischen Handlungen und die Story von heute verstricken sich später auf eine Weise, die das Buch sehr zu einem Mystery-Thriller werden lassen. Auch das muss man mögen. Soviel sei an dieser Stelle verraten: John Scoro hat den Stein der Weisen entdeckt und ist inzwischen über 700 Jahre alt. Wer dies Eschbach als hanebüchen vorwirft, vergisst, dass der seine ersten Erfolge als Science-Fiction-Autor („Die Haarteppich-Knüpfer“, „Solarstation“ u.a.) feierte. Als studierter Luft- und Raumfahrttechniker und ehemaliger Software-Entwickler verfügt Eschbach über genügend Hintergrundwissen, um dem Leser seine unglaublichen Erzählungen glaubhaft machen zu können und mitzunehmen auf seine phantastischen Reisen durch Wissenschaft und Zeit.

Woanders, da ist Perfektion

Dass das irdische Leben unvollkommen ist, dass es in einer anderen Welt eine Vollendung zur Perfektion geben muss, die unsere Vorstellungskraft übersteigt, und dass es nur den einen Lebenssinn geben kann, diese höhere Dimension der Existenz zu gelangen, das sind die „letzten Dinge“, die die Menschen in Philosophie und Religion schon immer beschäftigen. Eschbach gelingt es auf faszinierende Weise, Realität und Fantasie fließend ineinander übergehen zu lassen, und erinnert literarisch an E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“. Hier der „goldne Topf“, dort der „Stein der Weisen“ – beide stehen für etwas, das für Normalsterbliche Unerreichbar ist und das den Protagonisten am Ende vor eine existenzielle Entscheidung zwischen Alltagsrealität und der völligen Hingabe an das Phantastische stellt.

Thriller, made in Germany

Vor einem Jahr hat Eschbach auf einer Lesung in Bamberg – vermutlich im Scherz – gesagt, dass seine Verträge ihn verpflichten, immer mindestens 500 Seiten zu schreiben. Tatsächlich hat man manchmal das Gefühl, etwas weniger wäre mehr. Trotzdem ist „Teufelsgold“ ein großartiger Thriller, der durch seine Mischung von Mystery, Fantasy und Thriller vielleicht wirklich am ehesten mit dem „Jesus-Video“ zu vergleichen ist.

Jedenfalls hat Andreas Eschbach zum wiederholten Male die Behauptung widerlegt, dass spannende Thriller nur aus Amerika kommen. Die Themen gehen ihm noch hoffentlich lange nicht aus.

„Teufelsgold“ ist bei Bastei Lübbe erschienen und kostet 22,90 Euro, zum Beispiel hier.

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